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Das Schloß im Gebirge

Description:  Work by Moritz Hartmann
deutsch
  
ISBN: 3492271022   ISBN: 3492271022   ISBN: 3492271022   ISBN: 3492271022 
 
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Das Schloß im Gebirge


Von Genf kommend, sollte ich in St. Jean de Maurienne, am Fuße des Mont-Cenis, mit Herrn B... aus Paris zusammentreffen, um mit ihm über den Berg und nach Turin weiter zu reisen. Bei meiner Ankunft an diesem letzten Ende der Eisenbahn erkundigte ich mich sogleich beim Chef de gare nach meinem Reisegefährten. Er war nicht da. Ein Telegramm hatte gemeldet, daß er erst in zwei oder drei Tagen kommen könne, und mich gebeten, entweder die Reise allein fortzusetzen oder Herrn B... in St. Jean zu erwarten, und endlich den Chef de gare ersucht, mich freundlich aufzunehmen und mir alle möglichen Aufmerksamkeiten zu erweisen. Herr B... ist einer der großen Unternehmer und Eisenbahnkönige Frankreichs; auf dieser Eisenbahn hatte er als einer der ersten Verwaltungsräte noch besondern Einfluß, und so reichte das Telegramm hin, um mir die gesamte Beamtenwelt dieses Bahnhofes zur Verfügung zu stellen. Meine Anwesenheit in Turin war, wenn ich ohne B... dahin kam, nutzlos; ich verspürte wenig Lust, die Reise über den öden Mont-Cenis allein zu machen, und so beschloß ich, die durch das Ausbleiben meines Reisegefährten gewährte Frist zu benutzen, um diesen wilden und in seinen Seitentälern wenig bekannten Teil Savoyens kennen zu lernen.

Das Elend, das hier überall aus den erblindeten oder ganz und garscheibenberaubten Fenstern der Hütten blickt, hat allerdings wenig Verlockendes, aber dieWildheit der Gegend, die gewaltigen Felsmassen, die Wildbäche, die aus geheimnisvollenSeitentälern hervorbrechen, Höhen und Schluchten, die unnahbar scheinen, und der ganzeApparat großartiger Alpennatur versprechen, wenn sie auch bei der Armut und Gedrücktheitder Menschen dem Herzen mit manchem schmerzlichen Eindruck drohen, doch vielfache Nahrungfür Aug und Phantasie. Wer außerdem seinen Livius gelesen, wird sich leicht überreden,daß er sich hier auf dem Wege befindet, auf dem Hannibal die gewaltigsten Hindernisse zubekämpfen hatte, und zu den andern Verlockungen tritt noch der allgewaltige historischeReiz. Ich gestattete dem behaglich eingerichteten Zimmer, das mir der Verwaltereinräumte, nicht, mein Capua zu werden, und schon eine Stunde nach meiner Ankunft befandich mich an der Seite eines an der Eisenbahn angestellten Eingeborenen auf der Wanderung.

Ungefähr eine halbe Stunde lang südwärts dem Bacheentgegenwandernd, bogen wir dann rechts in ein Seitental ab, das mich mit seinen kahlen,abschüssigen, himmelhohen Felswänden anlockte. Der Bach brauste tief unter uns, währendwir auf einem feuchten, nur einige Stunden im Jahre von der Sonne beschienenen Wegedahingingen. Die wenigen Pflanzen, die mit kümmerlichen Wurzeln an den Felsen hingen,sahen aus wie Kellerpflanzen. Der Weg selbst, zum großen Teil künstlich angelegt, warfeucht und schlüpferig; über den sumpfigen Rissen, die ihn unterbrachen, lagen Balken,die, faul und verwittert, unter uns zusammen zu brechen drohten. Ein solcher Weg konntenicht in einen glücklichen Winkel führen, und in der Tat mündete er auf ein Dorf, indem sich Elend und Kretinismus brüderlich nebeneinander niedergelassen hatten. Ich willdieses Dorf nicht weiter beschreiben, ich hätte nur Häßliches, Abstoßendes, jaSchlimmeres zu sagen. Mein Führer sagte mir, daß wir uns hier in einem der Tälerbefinden, die alljährlich die größte Zahl von Knaben und Mädchen in die Welt schicken,damit sie in der Ferne, auf welche Art immer, ihr Brot suchen. Sie sehen ein, fügte erhinzu, daß diese Gegend nicht gemacht ist, auch nur eine dünne Bevölkerung zuernähren, selbst die Ziegen sterben hier Hungers. - Das sehe ich wohl ein, erwiderte ich,was ich aber nicht begreife, ist, daß sie überhaupt noch bevölkert ist, daß hier nichtlängst alle Einwohner ausgewandert sind. - Ja, lachte der Mann, das ist eben unsereNarrheit, wir können ohne dieses Land nicht leben. Dieselben Kinder, welche die Elterndes Elendes wegen in die Fremde schicken, kehren in einem gewissen Alter wieder in dieHeimat zurück, die einen arm, wie sie gegangen, die andern reich wie irgend ein Pariser -aber arm oder reich, sie kehren eben wieder; sie können ohne Savoyen nicht leben. Siekönnen sich selbst davon überzeugen. Sprechen Sie im nächsten Dorfe den ersten bestenarmen Mann an, und er wird Ihnen sagen, daß er zwanzig und dreißig Jahre in der Fremde,in Paris, Marseille, Brüssel zugebracht, und kaum eine Stunde von hier können Sie einprächtiges Schloß sehen, das einem Manne gehört, der vor sechzig Jahren mit einemMurmeltiere als seiner ganzen Habe von hier fortgezogen. Es ist Monsieur Laurens, einerder reichsten Leute des Landes, er soll Millionen besitzen.

Gut! Führen Sie mich nach diesem Schlosse.

Die Schlucht erweiterte sich nach und nach, und wir kamen, immersteigend, in ein längliches Kesseltal, auf dem die Sonne lag und von dessen Sohle aussich hübsche Matten ziemlich hoch die Abhänge hinan erstreckten. Überall sonst würdeauch dieses Tal, in das von der Höhe kahle Felsen und kalte Schneeberge blicken, einentraurigen Eindruck gemacht haben, nach der Schlucht aber, die wir seit zwei Stundendurchwanderten, erschien es wie eine der glücklichen Inseln. Die angenehme Täuschung,die der Anblick dieses Tales hervorbrachte, und der Kontrast, den es mit der Schluchtbildete, dauerten freilich nicht lange, denn in dem Dorfe, das am Eingange lag, haustenicht mindere Not als in der Schlucht, und das wenige Vieh, das auf den Wiesen weidete,war klein und verkrüppelt, als gehörte es der Tierwelt des Polarkreises zu.Überraschend aber und das Tal fürstlich beherrschend, blickte von einer Höhe hinter demDorfe ein prächtiges Schloß mit vier Türmen, unzähligen glänzenden Fenstern, einemhohen, steilen Dach, wie es dem Schloßstil aus der Zeit Heinrichs II. eigen ist, mitvielen und reichen Verzierungen auf diesem Dache, mit Balkonen, mit einer großenHufeisentreppe, die sich von der dreifachen Türe des ersten Stockwerkes breit und großin den Hof hinabzog, und endlich mit einem uralten Parke, der sich weit hinter demSchlosse mit riesigen Bäumen sanft den Berg hinaufstreckte und für dasselbe einenschönen, abhebenden Hintergrund bildete. In ungleichen Entfernungen vom Hauptgebäude,aus dem dunkeln Schoße des Parks hervor blickten mehrere Pavillons mit hohen Dächern,Türmen oder Kuppeln.

- Dies ist das Schloß des Herrn Laurens! sagte mein Führer, alsich erstaunt stehen blieb und die unverhoffte Pracht mit weit offenen Augen betrachtete.

Es hatte etwas Zauberhaftes, dieser Pracht nach solcher Wanderung,in solcher Einsamkeit zu begegnen. So mag Montsalvatsch plötzlich vor den irrendenRittern aufgetaucht sein. Ich beschleunigte meine Schritte, um dem herrlichen Bau raschnäher zu kommen, als ich bei einer Biegung nicht fern von einer Hütte stand, vor welcherauf einer Bank zwei alte Männer saßen, die ebenfalls auffallen mußten, denn sie sahenanders aus als die übrigen verkommenen Bewohner des Dorfes, anders in ihrer Kleidung wiein ihrem Wesen. Sie saßen sorgenlos da wie zwei Menschen, die der Arbeit nicht bedürfen,und waren auch so gekleidet, wie die andern gewiß nicht an höchsten Feiertagen sichkleiden konnten. Der eine, eine derbe, breitschultrige Greisengestalt, trug lange graueLocken, die in dichter Fülle auf eine reinliche, weiße, leinwandne Blouse herab fielen,und auf diesen Locken einen Panamahut, wie er damals in Paris Mode war. In der Hand hielter eine Zeitung und plauderte so vor sich hin, während der andere immer bejahend mit demKopf nickte und lächelnd zuhörte. Dieser andere nahm sich neben der derbenBlousengestalt doppelt schmächtig aus, und während bei dem Blousenmann eigentlich nurdie grauen Haare sein Alter verrieten, sprach bei diesem alles und jedes vom Verfall eineshohen Greisentums. Er hielt einen alten Cylinderhut in der zitternden Hand und zeigteeinen kahlen Schädel, der nur von wenigen ganz weißen Löckchen eingefaßt war. SeinGesicht war zu einer erstaunlichen Kleinheit zusammengeschrumpft, was neben dem breiten,derben Antlitz des Blousenmannes noch mehr auffallen mußte. Überaus klein waren auchHände und Füße, und mit diesen stimmte die schmächtige Gestalt überein, welche voneinem zwar alten, aber sorgsam gebürsteten blauen Frack mit gelben Knöpfen wie zur Notzusammen und aufrecht gehalten wurde. - Und so wie die beiden sich von den übrigenBewohnern unterschieden, so war auch die Hütte, vor der sie saßen, eine Ausnahme unterden Hütten des Dorfes. Sie war so klein und an sich so unbedeutend wie die andern, abersie war mit hübscher grauer Ölfarbe überstrichen, mit Ziegeln gedeckt, und ihre Fensterhatten klare Scheiben, hinter denen weiße Gardinen hervorschimmerten. Auch hatte sie, wasden andern fehlte, einen Flur, aus dem man rechts und links in die zwei Zimmer, die sieenthielt, durch niedrige, aber hübsch gezimmerte und bläulich angestrichene Türengelangte

- Der Herr dort in der Blouse, sagte mein Führer, ist Herr Laurens.- Der Besitzer des Schlosses? Unmöglich! Sie meinen wohl den andern im blauen Frack. Derandere ist der Marquis von Villarson, das Schloß aber gehört Herrn Laurens. Ich ging aufHerrn Laurens zu und fragte, ob es erlaubt sei, das schöne Schloß zu besichtigen. HerrLaurens erhob sich sogleich, grüßte überaus freundlich und rief: - Warum denn nicht! Eswird mir eine Ehre sein! Warum denn nicht! Es wird mir eine Ehre sein! wiederholte derMarquis, der sich ebenfalls erhob und verneigte, mit einer schwachen und zitterndenStimme, die wie ein meckerndes Echo der gesunden und kräftigen des Herrn Laurens klang.Es war, wie ich später merkte, seine Gewohnheit, kurze Sätze des Herrn Laurens zuwiederholen; längere schienen ihm zu viel Mühe zu machen, und er begleitete sie nur miteinem: Ja, ja! oder einem bestätigenden Kopfnicken.

- Ich will selbst Ihren Führer machen, sagte Herr Laurens, undschon auf dem Wege zum Schloß wurde er sehr beredt, wie einer, der froh ist, nach langemeinsamen Leben sich ein wenig aussprechen zu können. - Woher kommen Sie, fragte er unteranderm. - Aus Genf! - Aus Genf! das kenne ich auch, aber es muß sich, seit ich esgesehen, sehr verändert haben. Ich war acht Jahre alt, als ich dahin kam, nur mit meinerVielle und meinem Murmeltier. Man hatte damals Angst, nach Paris zu gehen, denn es war dieZeit, da die Guillotine so gewaltig arbeitete. So ging ich denn nach Genf, als mein Vaterstarb. Aber dort war auch nicht viel zu holen; ich hungerte in Genf und wohnte in einemhohlen Baum auf dem Wege nach Sacconex. Möcht' wissen, ob er noch steht. Eines Morgens,als ich erwachte, war mein Murmeltier fort; das verbitterte mir den Aufenthalt, und ichzog trotz der Guillotine weiter nach Lyon und darin nach Paris. - Ja, ja, Paris! lächelteder Marquis, der sich Mühe gab, mit uns gleichen Schritt zu halten - ja, ja, dieGuillotine! - Ich kenne eine alte hohle Platane auf dem Wege nach Sacconex, versicherteich, vielleicht ist es dieselbe -
- Richtig, eine Platane war es, rief Laurens - wie schade, daß man so einem Baume keinePension aussetzen kann.
- Es ist doch ein großer Unterschied zwischen der Platane und diesem Schloß! sagte ich.
- Ei was, erwiderte Laurens achselzuckend, das ist nicht so arg.
- Aber eigentümlich ist es doch, so aus der hohlen Platane in ein solches Schloß zugelangen.
- Das ist es, weiß Gott, bestätigte der Alte, und ich kann es mir kaum selbst erklären,obwohl ich die Geschichte dieses Wunders am besten kennen muß.
- Es muß eine sehr interessante Geschichte sein, sagte ich ausholend.
- Nun, ist auch wieder nicht so arg, als man meint, lächelte Herr Laurens - etwas Glück,ein klein wenig Verstand, Gottes Segen - und, fügte er leiser hinzu - ein gutes, klugesWeib. Aber am Ende, aufs Schloß kommt es nicht an, man kann auch ohne Schloß leben. Eskann sehr langweilig sein in einem solchen Schloß.

Im Schloßhof angekommen, machte mir das Gebäude mit einem Maleeinen unheimlichen Eindruck, und zwar gerade seiner Pracht und Schönheit wegen, denngerade mit diesen Eigenschafren und mit der außerordentlichen Reinlichkeit, die hierüberall herrschte, vertrug sich die Verlassenheit und Öde des Ganzen am wenigsten.Uberall sah man die ordnende, sorgende und erhaltende Hand, aber nirgends war ein Menschzu sehen. Fenster, Treppen, Erker, Balkone, alles leer und unbelebt; im Hof und in denNebengebäuden, geschaffen, um von zahlreicher Dienerschaft bevölkert zu werden, keineSeele. Wir stiegen die Treppe hinauf, und die Flügeltüren, die von da in einen gewaltighohen und großen Saal führten, waren unverschlossen und wichen einem einfachen Drucke.Die Schritte widerhallten in diesem Saale und in den zahlreichen Zimmern, die wirdurchwanderten - es war unendlich öde und einsam - aber Staub, Moder, Spinneweben, die zudieser Einsamkeit gepaßt hätten, fehlten überall. Alles war so gut und sorglichgehalten, als sollte die Herrschaft eben einziehen - und wie ordentlich und reinlich, soprächtig waren auch Schmuck und Hausrat: kostbare Möbel jeder Art, Seiden- undLedertapeten, Holzgetäfel und Schnitzereien, Olgemälde und Kupferstiche, selbst schönbemalte, im Stil des 17. Jahrhunderts gehaltene Plafonds. Auf meine Verwunderung über dieEinsamkeit antwortete Herr Laurens mit einem Achselzucken und einem verhaltenen Seufzer;meine Bewunderung der Pracht nahm er mit Gleichgültigkeit hin und ging durch dieGemächer ruhig wie ein Führer, während der Marquis jedes meiner lobenden Worte mitbeifälligem Lächeln aufnahm, freudig dazu den Kopf schüttelte und stolz neben mireinherschritt.

- Wer hält Ihnen das alles so in Ordnung? fragte ich Herrn Laurens.
- Das ganze Dorf. antwortete er; die armen Leute haben nichts zu tun und sind froh, wennich sie beschäftige.
- Sie haben also keine Dienerschaft?
- Ebenfalls das ganze Dorf, sagte er und fügte hinzu: Ich habe wohl bemerkt, daß Siesich über die Stille im Schlosse verwunderten. Machen Sie mir das Vergnügen, seien Siemein Gast und bleiben Sie über Nacht hier - so will ich Ihnen das Schauspiel geben, wiesich alles hier belebt und wie es in einer halben Stunde hier von Bedienten wimmelt. Ichüberlegte eine Zeitlang, Herr Laurens drang in mich, tiiid ich sagte zu. Darauf ging erauf die Plattform vor der Treppe und pfiff, dann zog er eine Glocke über der Treppe, daßes im ganzen Tale widerhallte. Nicht eine Minute verging, und Männer und Weiber eiltenaus dem Dorfe herbei. Herr Laurens wartete, bis sie nahe genug waren, dann rief er ihnenzu: Ich habe heute abend einen Gast; daß alles bereit sei! -Darauf lud er mich ein, dieWanderung fortzusetzen.

Wir durchstrichen den Park, besahen die Pavillons und bestiegenmehrere schöne Aussichtspunkte. Als wir nach ungefahr einer Stunde ins Schloßzurückkehrten, hatte sich hier alles wie durch Zauber verändert. Eine Reihe von Zimmernerwartete mit hellerleuchteten Fenstern den nahen Abend, der hier rasch hereinbricht; auchan allen Eingängen und im Hofe brannten alte, große Laternen; aus dem Souterrain stiegenSpeisedüfte auf, und wohin man sah, überall erblickte man wartendes oder hin und hereilendes, teils in Livree, teils in bäuerlichen Sonntagsstaat gekleidetes Volk. Es warwie eine kleine Hofhaltung. Der ewig lächelnde und schweigende Marquis reckte undstreckte sich und fühlte sich offenbar sehr wohl. Am anspruchlosesten und einfachsten inder plötzlich geschaffenen luxuriösen Welt sah der Besitzer selber aus. - Noch schönerund prächtiger wurde es, als die Sonne gänzlich hinter den hohen Bergen verschwand,dichte Dunkelheit eintrat und zu den vielen Laternen noch andere und dazu noch eine Reihevon kienholzgefüllten Eisenkörben vor dem Schlosse angesteckt wurden und in hohenFlammen aufwallten.

- Das ist ein wahres Fest für die Leute, sagte mein Wirt, als ichmit ihm betrachtend auf der Plattform stand, wenn sie solch ein Spektakel bereitenkönnen. Sie sind auf meinen Reichtum stolz, als wäre es der ihre, weil ich zu ihnengehöre. Sie sehen ihn gern auch deshalb, weil mancher von ihnen denkt, so wie dieserLaurens kehrt vielleicht mein Kind einmal als Millionär aus Paris zurück. Ich bin janicht der erste, der als Betteljunge fortgezogen, um als Millionär heimzukehren. DerMarquis seufzte. Laurens sah sich um und sagte: Nicht traurig sein, Herr Marquis! - Nichttraurig sein, Herr Marquis! wiederholte dieser und lächelte wie früher und nickte mitdem Kopfe. Ich sah ein, daß es mir nicht schwer sein würde, die Geschichte der beideneigentümlichen Alten zu erfahren, und vertröstete mich auf das Nachtessen, das für unsbereitet wurde und das wir gemeinschaftlich einnehmen sollten. Ein schwarzgekleideter Mannmit weißer Kravatte erschien bald und kündigte an, daß das Essen bereit sei. Wir gingendurch eine Reihe schöner Gemächer, in ein kleines, rundes, mit Stukkaturarbeitengeschmücktes Eckzimmer, wo uns ein elegant servierter Tisch erwartete. - Das sind wohlIhre Zimmer? fragte ich Herrn Laurens. - Meine Zimmer? - Nein! ich wohne unten im Dorfe,in der Hütte, vor der Sie mich gesehen, zur Miete beim Herrn Marquis.

Der Marquis lächelte und bestätigte: Ja, ja, zur Miete bei mir,dem Herrn Marquis. Als wir uns zu Tische setzten, bemerkte ich, wie Herr Laurens demBedienten, der uns eingeführt, mit strenger Miene ein Zeichen machte, das ein Verweissein sollte. Sogleich eilte dieser aus dem Zimmer und kam mit einem andern Diener inprächtiger Livree zurück, der sich hinter dem Stuhle des Marquis aufstellte. - Vom Essensage ich nur - um nicht einen Speisezettel au~ihren zu müssen - daß es vortrefflich warund daß es von Leuten serviert wurde, denen man eine mehrjährige Dienstzeit zu Paris alsKellner und Aufwärter ansah. Den Speisen und der Bedienung entsprechend waren die edlenWeine, die in zweckmäßiger Abwechslung auf einander folgten. Den besten Appetitbewährte der alte Marquis, der sich durch unsere Gespräche nicht stören ließ, nur vonZeit zu Zeit bejahend mit dem Kopfe nickte und sich manchmal benahm, als wäre er unserWirt, eine Illusion, in der ihn dann Herr Laurens immer zu bestärken suchte. Ich begriffdie Ursache dieser Handlungsweise und zum Teil das ganze Benehmen Laurens' gegen denMarquis, als ich fragte, ob das Schloß nicht einen besondern Namen habe, und dieser raschantwortete: Chateau Villarson. Der Marquis war also offenbar der frühere Besitzer,glaubte es manchmal noch zu sein, und Herr Laurens wollte in solchen Momenten die süßeTäuschung nicht stören.

Nachdem verschiedene Weinsorten an uns vorübergegangen, neigte derarme Marquis den Kopf auf die Schulter und schloß die glänzenden Augen, die eigentlichnoch das einzige Lebende an ihm waren und ohne deren Glanz man es nicht geglaubt hätte,daß noch ein Fünkchen menschlicher Vernunft in diesem kahlen und alten Schädel brannte.Er dämmerte von nun an so hin zwischen Träumen und Wachen, und seine Erscheinung wurdenoch traumhafter als zuvor. Mein Wirt hingegen, der viel mäßiger im Genusse der Speisenwie der Getränke gewesen, wurde desto lebhafter und mitteilsamer, und da ich in demselbenGrade zudringlicher wurde, bekam ich, während draußen die Flammen in den Körben immertiefer brannten, seine Geschichte zu hören, in deren Erzählung er sich selbst durch dieDiener nicht stören ließ, die ab- und zugingen.

Als die Franzosen, so begann Herr Laurens, aus diesem Lande eineRepublik machten, welche sie die allobrogische nannten, wurde hier trotz aller gutenAbsichten die Not größer als je. Wir hatten Einquartierungen und sollten fremde Soldatenernähren, während wir selbst kaum das Brot hatten. Viele Savoyarden flüchteten sich ausParis zurück in die Berge, und die Zahl der Verzehrenden wurde größer, während dieZahl der Arbeitenden und Erwerbenden immer kleiner wurde, da die rüstige Jugend in denKrieg zog. Dazu kam, daß der reiche Adel, von dessen Tisch früher manche Brosamen fürdie Armen abfielen, jeden Nichtadligen als Feind zu betrachten anfing und dem Volke, daser aushungern und, wie er dachte, zur Unterwerfung zwingen wollte, jeden Abfall von seinemÜberfluß entzog. Die Herren, die in Chambery in der Kirche als Vertreter derallobrogischen Republik saßen, berieten vielerlei, aber dem Elende der Zeit konnten sienicht abhelfen - und wie zu Anfang der Revolution die Savoyarden aus Paris zurück eilten,so begann jetzt die Auswanderung in weit größerem Maßstabe. Ich war kaum zehn Jahrealt, als ich ausgerüstet mit einem Murmeltier und dem Segen der Mutter auf dieWanderschaft ging; neben mir ging ein Mädchen, ein Waisenkind, Louison hieß sie, diemeinem, des zehnjährigen Knaben Schutze vertraut war. Ihre Ausrüstung war eine Vielle,die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Meine Mutter begleitete uns bis St. Jean deMaurienne, und wir weinten alle drei. Auf dem Wege dahin begegneten wir demzwölfjährigen Sohn unserer Herrschaft, dem jungen Marquis von Villarson, hoch zu Roß.Die Mutter befahl uns, dem jungen Seigneur pflichtgemäß Lebewohl zu sagen. Wir taten esmit Zagen, denn der junge Marquis war als ein wilder, umbarmherziger Knabe verrufen, undich sowohl wie Louison hatten schon manche Püffe von ihm empfangen.

- Ja, ja, unterbrach hier der alte Marquis den Erzähler, der jungeVillarson war ein wilder, unbarmherziger Knabe. - Er war es, lächelte Herr Laurens, indemer ihm die Hand entgegenstreckte, aber er wurde ein guter Mann. - Er wurde ein guter Mann,bestätigte der Marquis, ohne die Augen zu öffnen. - Sprechen Sie vom Marquis? fragteich. - Von diesem, der hier sitzt, erwiderte Herr Laurens -man darf von ihm sprechen wievon einem Abgeschiedenen. - Wie von einem Abgeschiedenen! wiederholte der Marquis wiefrüher. - Der junge Marquis, fuhr mein Wirt fort, ließ uns nicht zu Worte kommen. Ah,Canailles, rief er uns entgegen, geht ihr nach Paris zu Robespierre, um Jakobiner zuwerden und mit den Franzosen zurückzukommen und uns unsere Schlösser zu nehmen? -Verzeihen Eure Gnaden - fiel ihm meine Mutter in die Rede, aber Louison ließ sie nichtweiter sprechen, und böse über seine Bosheit rief sie darein: Ja, Herr Marquis, wirgehen hin, um in Ihr Schloß zurückzukehren und Sie daraus zu vertreiben. - Canaille!Canaille! wiederholte der junge Marquis. - Anstatt die armen Kinder zu schimpfen, sagtemeine Mutter, sollten Sie als unsere Herrschaft ihnen einen Zehrpfennig auf den Weg geben.Zehrpfennig? den sollen sie haben! rief der wilde Knabe, sprengte auf uns los und schlugmich und mehr noch Louison mit der Reitpeitsche auf Rücken und Gesicht. Ich wollte michauf ihn stürzen, aber der Bediente, der mit ihm war, warf mich mit seinem Pferde um.Darauf ritten beide im Galopp weiter. Ich war beschämt und ergrimmt, Louison, die ich sosehr lieb hatte und die meinem Schutze empfohlen war, vor mir mißhandelt zu sehen, ohnehelfen und sie rächen zu können. Tränen der Wut stürzten aus meinen Augen, währendauch meine Mutter weinte; aber Louison tröstete uns. Wir gehen jetzt in die Welt, sagtesie, und ich schwöre es, wir wollen es noch dahin bringen, daß wir den bösen Marquisaus seinem Schlosse drängen; dann wollen wir ihn an die Schläge erinnern. - Ach, es wareine starke Seele, meine Louison, und mein Leben lang hat sie mehr mich beschützt, alsich sie.

Ich habe Ihnen schon gesagt, daß wir aus Furcht vor der Guillotine,die übrigens damals gar nicht mehr arbeitete, nicht nach Paris, sondern nach Genf gingen.In der bewußten Platane schlief ich nicht allein, sondern mit Louison.

Als die Not groß wurde, sagte Louison: Ach, wer wird sich auch vorder Guillotine fürchten; die schlägt nur Aristokraten den Kopf ab. Wir sind keineAristokraten, gehen wir nach Paris. Und so gingen wir nach Paris.

Die damalige Welt hatte wenig für Savoyarden übrig, und es ginguns herzlich schlecht. Ich wäre wohl zehnmal verhungert, wenn mir nicht Louison immer einStück Brot zu verschaffen gewußt hätte; ihren schönen, braunen Augen konnte niemandwiderstehen, und sie tanzte so schön, daß sie immer einige Sous zusammenbrachte, genug,um sie und mich zu ernähren. Indessen - Sie kennen ja das Leben der PariserSavoyardenkinder - wozu soll ich Sie mit einer langen Beschreibung langweilen? Wirschliefen a' la beile e'toile, wir aßen oder wir aßen auch nicht ein Stück trocknenBrotes, und so verging eine schöne Zeit, und wir wuchsen trotz allem Elend rüstig darauflos. Eines Tages, während eines heftigen Schneegestöbers, suchte ich unter der Einfahrtemes großen Hauses Schutz, und da das schlechte Wetter nicht aufhören wollte, legte ichmich in einen Winkel und entschlief Es war schon später und dunkler Abend, als ich michsanft geweckt fühlte und eine Frau mit freundlichem, lächelndem Gesichte vor mir stehensah. Sie lud mich ein, ihr zu folgen, was ich gerne tat, da ich auf ein gutes Nachtessenhoffte. Sie ging voran, ich folgte, bis sie nach einer ziemlich langen Wanderung in derRue Pepiniere eine Hausglocke zog. Der Portier öffnete und empfmg die Dame mit vielerUntertänigkeit. »Die Frau Gräfin«, sagte er lächelnd, »haben eine gute Jagdgehabt.« Sie antwortete nicht und führte mich drei Treppen hinauf in ein großes Zimmer,wo unter dem Vorsitz eines ältern Herrn an zehn Knaben um einen Tisch saßen und mitAppetit ein einfaches Nachtessen verzehrten. Mit Erstaunen erkannte ich unter den Knabenmehrere als Landsleute und Kollegen, die noch vor kurzem wie ich die Straßen durchzogenoder als Schornsteinfeger fungiert hatten. Ich überzeugte mich bald, daß sämtlichediese Knaben Savoyarden waren. Ich will Ihnen das Rätsel in wenigen Worten lösen.

Gräfin Montarcy wurde unter der Schreckensherrschaft verdächtig,mit der Armee der Emigranten korrespondiert zu haben. Sie sollte verhaftet werden und eineVerhaftung unter solchem Verdachte war damals so viel wert wie ein Todesurteil. EinSavoyarde, der bei ihr als Portier diente, rettete sie, indem er einen Mann des Gesetzesniederschlug, den andern Gerichtsbeamten im Hofe einsperrte, sich mit seiner Herrschaft inden Straßen verlor und ihr dann, nachdem er sie in die Kleider seiner Schwester gesteckt,aus Paris verhalf Mad. de Montarcy entkam glücklich nach London. Unter dem Direktoriumkehrte sie nach Frankreich zurück und setzte jetzt die Bemühungen fort, die sie schonvon England aus eingeleitet hatte, ihren Retter aufzusuchen und etwas über sein Schicksalzu erfahren. Er war in Frankreich zurückgeblieben, da seine Gesellschaft den Verfolgernder Gräfin deren Entdeckung erleichtert hätte, denn er war ein riesiger und in seinerGestalt auffallender Mann. Die Gräfin erfuhr nur zu bald, wie ihr Retter geendet hatte.Er ersetzte sie auf dem Schafotte. Da er keine Anverwandten hatte, denen sie hätteWohltaten erzeigen können, beschloß sie, ihre Dankbarkeit an den Savoyardenkindern zubeweisen, die, wie jener, nach Paris gekommen, unwissend und hülflos allem Elendpreisgegeben sind und sie mietete eine Wohnung, groß genug, um zehn oder zwölf Knaben zubeherbergen, die sie in den Straßen auflas, und denen sie einen würdigen Mann vorsetzte,der für ihr leibliches wie geistiges Wohl sorgen sollte. Die Kinder waren da gutaufgehoben, und sobald durch den Abgang des einen ein Platz frei wurde, ging, wie es derPortier dieses Hauses nannte, die gute Gräfin auf die Jagd aus, um ein neuesaufzutreiben. Diese Freude, die Kinder selbst herbeizuschaffen, ließ sie sich nichtnehmen. Bei all dem aber war sie nichts weniger als reich, ihre Güter waren konfisziertund verkauft worden, und sie besaß nur die kleinen Reste eines großen Vermögens. Vondiesen gönnte sie sich selbst nur den kleinem Teil, den größeren wendete sie ihrerAnstalt zu. Daher kam es auch, daß sie den Aufenthalt in der Anstalt keinem Knabenlänger als zwei oder drei Jahre gestattete, gerade die Zeit, die er bedurfte, umordentlich schreiben, lesen, rechnen und dergleichen zu erlernen, was zum Fortkommen inder Welt unumgänglich notwendig ist; dann mußte er andern Platz machen, damit siederselben Wohltat teilhaft werden. Dabei war auch noch ein Restchen Aristokratie imSpiele, denn Mad. de Montarcy war der Meinung, daß bei Kindern unserer Klasse derUnterricht nicht über das Notwendigste hinausgehen dürfe, daß etwas mehr Wissen ausunseresgleichen nur Revolutionäre mache. Nun, die gute Frau hat durch die Revolution zuviel gelitten, und sie hatte ein Recht, sie zu fürchten. Nicht ich, der ich ihr so vielzu danken hatte, werde mit ihr rechten.

Mit dem Nachtessen, das mich empfing, war ich sehr wohl zufrieden,noch mehr mit dem guten Bette, darin ich köstlich schlief, während es draußen schneiteund stürmte. Mein erster Gedanke, als ich des Morgens erwachte, galt meiner Louison unddem Bedauern, daß sie die so böse Nacht, der Himmel weiß wo? und wie? zugebracht; dannfühlte ich mich wie ein Gefangener und sehr unglücklich darüber, daß ich von Louisongetrennt sein sollte. Der Lehrer stellte mir in eindringlichen Worten vor, welches Glück,von Gott gesandt, es sei, daß ich in die Anstalt gekommen, und welchen Nutzen es mirbringen werde, wenn ich da etwas lernte. Vergebens! ich schämte mich wohl, einzugestehen,daß ich vorzugsweise eines Mädchens wegen wieder ins Elend hinaus und alle die Wohltatenvon mir weisen wollte; aber ich blieb dabei, daß ich fort müsse. SolcheWidersetzlichkeit war dem Lehrer nicht neu, da sie bei den meisten neuen Zöglingenvorkam, die, an das herumstreifende Leben gewöhnt, sich anfangs immer unbehaglichfühlten. Man übte in der ersten Zeit einen leisen Zwang, vertröstete von einem Tage zumandern, bis endlich der Junge freiwillig in der Anstalt blieb. So ging es auch mir, ohnedaß sich meine Sehnsucht nach Louison vermindert hätte, und durch Wochen war ich wohlder traurigste Geselle der ganzen Anstalt und ging es auch mit dem Lernen schlechtvorwärts, bis mir mit einem Male die Erlösung kam und zwar von Louison selbst. EinesTages scholl plötzlich vom Hofe herauf ein liebes Lied aus der Heimat, das mir eben sobekannt war als die Stimme, die es sang. Mit drei Sätzen war ich im Hofe, und ehe siemich gesehen, lag ich weinend am Halse Louisons. - Habe ich dich endlich, rief sie,ebenfalls weinend; seit Wochen ziehe ich so von einem Hause zum andern - an keinemeinzigen bin ich vorübergegangen - und überall singe ich nur dieses eine Lied. Ichwußte wohl, du kommst aus deinem Verstecke hervor, sobald du das Lied zu hören bekommst.-Ich erzählte ihr, was mit mir geschehen, und kündigte ihr den Entschluß an, sofort ausder Anstalt zu entwischen und mit ihr weiter zu ziehen, wie ehemals. - Sie freute sichdarüber, aber nur einen Augenblick. Bald legte sie ihr Gesicht in ernste Falten, sprachmir von der herrlichen Wohltat, die mir da geschehe, und setzte mir sehr klug auseinander,wie ich in der Anstalt aushalten und so viel als möglich lernen müsse. »Siehst du«,sagte sie nach einer längeren und weisen Rede, »das ist nur der Anfang, und du wirstgewiß ein großer und reicher Mann. Wenn man was gelernt hat, geht alles leichter undschneller. So wird man ein Monsieur. Und ich sage dir, es ist ganz gewiß, daß wir alssehr reiche Leute in unser Dorf zurückkommen, und daß wir uns dort ein sehr schönesSchloß bauen - es ist sogar möglich, daß wir das Schloß des Marquis kaufen und dannleben wie geborene Marquis.« -Ja, ja, das Schloß des Marquis kaufen, - murmelte hier derMarquis, die Erzählung des Herrn Laurens unterbrechend.

Herr Laurens ließ sich nicht stören und fuhr fort: Sie müssenwissen, daß es von dem Augenblicke an, da uns der junge Marquis in der Stunde unseresAbschiedes von der Heimat gepeitscht hatte, bei Louison ausgemachte Sache war, daß wirals reiche Leute in unser Tal zurückkehren, uns daselbst ein Schloß bauen müssen, soschön wie das des Marquis, oder noch besser, daß wir den Marquis aus seinem eigenenSchlosse verdrängen müssen. Mit diesem Gedanken tröstete sie sich in allem Elend, aufdiesen Gedanken kam sie bei jeder Gelegenheit zurück - und wie kindisch er auch war, erwurde stärker und mächtiger in ihr, je größer sie wurde. Sie war ein herzensgutesGeschöpf, aber die Hoffnung, den Marquis mit einem gleich schönen Schlosse in demselbenTale zu ärgern oder gar in sein eigenes Schloß einzuziehen, hätte sie nicht so leichtfür ein anderes Glück ausgetauscht. Mit diesen Träumen ging der meine, daß wir unseinst heiraten und jenes Glück gemeinschaftlich genießen werden, Hand in Hand. Es wurdeLouison um so weniger schwer, mich von meinen Fluchtgedanken abzubringen und zu treuemAusharren in der Anstalt wie zu fleißiger Arbeit zu ermuntern, als sie versprach, so oftals möglich wieder zu kommen.

Sie hielt Wort. Jede Woche an einem gewissen Tage, zu einerbestimmten Stunde erscholl ihr Lied und ertönte ihr Instrument im Hof, und manchmalbereitete sie mir eine Überraschung, indem sie auch plötzlich an einem andern als demgewohnten Tage erschien. Es wurde mir dann auch erlaubt, zu ihr, als dem Kinde desselbenDorfes, hinabzusteigen und in der Wohnung des Portiers ein angenehmes Stündchen zuverplaudern. Es war eine glückliche Zeit, und ich fing damals an, zu fühlen, daß ichohne Louison nicht leben könnte, und zugleich bemerkte ich, daß sie von Woche zu Wocheschöner wurde. Ich wußte es nachher, daß ich sie damals mit Liebe zu lieben begann;aimer d'amour, wie wir zu sagen pflegen. Wir standen eben an der Türe des Jünglings- undJungfrauenalters. Klug und brav, wie Louison war, fühlte sie ebenfalls, daß sich dieZeiten ändern, und eines Tages kündigte sie mir plötzlich an, daß sie nicht mehr aufdieselbe Weise als herumziehende Sängerin in den Hof kommen und daß sie dem Instrument,dem Liede und auf einige Zeit auch mir Lebewohl sagen wolle. - Schau, sagte sie, ich werdegroß und auch hübsch, da schickt es sich nicht mehr, daß ich so durch die Straßen vonParis ziehe. Ich habe schon manches erfahren, was mich belehrt, daß ich auf andere undanständigere Weise mein Brot verdienen muß. Ich werde einen Dienst suchen.

Was sich Louison vornahm, das führte sie auch aus. Sie fand einenPlatz bei einer reichen Dame, und da sie sich sehr anstellig zeigte, ernannte sie diesebald zu ihrer Kammerjungfer. Ich durfte sie jeden Sonntag besuchen, und sie, wie sie allesbenützte, wollte auch, daß diese Besuche nicht nutzlos für sie seien, und ich mußtesie lehren, was ich in der Anstalt selbst gelernt hatte. »Denn«, sagte sie, »ich mußja schreiben und lesen können, um, wie es sich schickt, in unserm Schlosse Briefe zuschreiben und Bücher zu lesen.« Das Schloß! immer das Schloß! - Sie lernte rasch, undje älter wir wurden, desto mehr Zeit blieb uns während der Unterichtsstunden für unsereLiebe. -Ich blieb länger als drei Jahre in der Anstalt, da ich nach Verlauf dieser Fristzu einer Art von Unterlehrer ernannt wurde, und der Himmel weiß, wie lange es noch sogleichförmig fortgegangen wäre, wenn uns nicht plötzlich die Umstände an »unserSchloß« erinnert und wenn ich nicht eingesehen hätte, daß ich Louison, die von Hausaus meinem Schutze empfohlen war, in eine gesicherte Lage bringen mußte.

Wir waren im Kaiserreich, Paris hatte wieder einen Hof, und was vonaltem Adel war, wurde an diesem Hofe der Emporkömmlinge mit Freuden aufgenommen. DerMarquis von Villarson, derselbe, der uns geschlagen hatte, war einer der schönsten undglänzendsten Kavaliere dieses Hofes; man schmeichelte ihm, man hätschelte ihn, und erdurfte sich vieles erlauben. Der savoyische Adel gehört ja zum ältesten undanerkanntesten Europas, und Napoleon- - Ja, ja, Napoleon! rief hier wieder der alteMarquis dazwischen, öffnete die Augen und leerte ein Glas Marsala. So unterbrochen, nahmHerr Laurens den Satz nicht wieder auf, sondern blickte den träumenden Greis lange an,seufzte und sagte dann: Was ist ein Menschenleben! und Glanz und Jugend und Schönheit!Sehen Sie den Herrn Marquis an! Wir dürfen in seiner Gegenwart von ihm sprechen, denn erist ein großer Philosoph geworden und betrachtet sich seit Jahren, als wäre er nicht erselber, sondern irgend ein dritter, dessen Geschichte er nur sehr gut kennt. Dieser HerrMarquis hatte Glanz, Jugend, Schönheit, und er war es, der mir Louison entreißen wollteund gerade in einer Zeit, da meine Liebe in vollster Blüte stand. Sie war schön - - Siewar schön! wiederholte der Marquis, aber diesmal weniger als Echo, sondern mit einemselbständigen Ausdruck tiefster Überzeugung und mit einem Lächeln, das wie ein Glanzvon Jugend über sein verwittertes Antlitz flog. - Sie war schön, sie war anmutig, fuhrLaurens fort, nachdem er eine Zeitlang vergebens gewartet hatte, ob nicht der Marquisseinem Lobe etwas hinzufüge, sie war neunzehn Jahre alt, und jeder Zug ihres Gesichtessprach von Verstand und Güte zugleich. - Verstand und Güte zugleich! wiederholte derMarquis.

Herr Laurens streckte ihm über den Tisch die Hand entgegen, er aberhatte die Augen geschlossen und sah es nicht. Laurens zog die Hand wieder zurück undsagte: Wir waren jung und sind alt geworden; wir waren Feinde, weil wir dieselbe liebten,jetzt sind wir Freunde, eben weil wir dieselbe liebten. Er kam ins Haus der Vicomtesse~..., bei der Louison diente, er verliebte sich in Louison, er verfolgte sie, ich bliebruhig. Er bot ihr seine Hand an, ja, ja, er wollte sie heiraten, obwohl sie nurKammerjungfer war, ich war immer noch ruhig. Aber einmal, da ihre Dame sich in seinerGegenwart von Louison einige unserer Volkslieder vorsingen ließ, fand der Marquis, daßsie zu einer großen Sängerin geboren sei, daß sie eine wunderschöne Stimme und vielTalent habe und daß sie als Sängerin eine große Carriere machen könnte. Da fing sieFeuer. Die Geschichte der »Fanchon«, die ebenfalls eine Savoyardin gewesen sein soll,die damals auf dem Theater aufgeführt wurde und in aller Munde war, trug noch dazu bei,ihren Kopf zu erhitzen, und sie bildete sich ein, eine zweite Fanchon zu sein. Der Weg zurMillion, der allerkürzeste, und in das »Schloß« war gefunden. Das waren böse Zeiten.Umsonst stellte ich ihr vor, daß ich nie und nimmer eine Theaterprinzessin heiratenwürde, selbst wenn sie mir eine Million mitbrächte, und daß mir die arme Kammerjungferviel lieber sei; sie meinte, daß ich sie gewiß und um so lieber heiraten werde, wenn ichmich nur erst überzeuge, daß sie als Millionärin und gefeierte Sängerin eben sotugendhaft und treu bleibe, wie sie es als Kammerjungfer gewesen. Da ich aber auf meinerAnsicht beharrte, nichts von der Sängerin, von ihren Millionen und ihrem Schloß wissenwollte, wandte sie sich mit ihrem Vertrauen der Vicomtesse zu, die mit dem Marquiseinverstanden war, und vergaß nach und nach den Groll, den sie seit Jahren gegen diesenhegte. Der Marquis glaubte nun sein Spiel gewonnen und traf demgemäß seine Anstalten.Ich aber war auch nicht untätig und beobachtete den jungen Herrn um so eifriger aufSchritt und Tritt, je schweig~amer und zurückhaltender Louison gegen mich geworden. Umdas ohne Störung tun zu können, verließ ich die Anstalt für immer, ohne übrigens zuwissen, wie ich mich künftig durchschlagen würde. Aber was lag mir daran, mein Hauptzielwar jetzt, der verblendeten Geliebten die Augen zu öffnen und ihren Verführer beinächster Gelegenheit zu züchtigen, auf das Furchtbarste zu züchtigen. Ich schrak vorkeinem Gedanken zurück und sagte mir, daß ich ihn im gegebenen Falle auch totschlagenkönnte. Und nachdem ich so durch einige Wochen dem Marquis wie ein Spion gefolgt war,holte ich eines Tages Louison ab und bat sie, mit mir einen Spaziergang zu machen. Siemeinte, ich sei nun mit dem Gedanken an ihre glänzende Laufbahn versöhnt, und sprach mirauf dem Wege von nichts anderem, als von dem Glücke, das uns beide erwarte, und wie wiruns früher, als wir je hätten träumen dürfen, in unser »Schloß« zurückziehenwürden. Ich schwieg und ging immer weiter, bis wir auf die Höhen jenseits der Rue St.Lazare ankamen, wo damals noch viele einzelne Pavillons in großen Gärten standen. Ichtrat in einen dieser Pavillons, und man ließ mich ungehindert eintreten, da ich dieletzten Tage mehrere Mal in Gesellschaft der Arbeiter, die daselbst beschäftigt, gekommenwar. Louison fragte mich, was ich da wollte. Ich schwieg und führte sie von Zimmer zuZimmer. Sie war von der schönen Einrichtung entzückt. Dann rief ich den Portier heraufund fragte ihn in Louisons Gegenwart: wer diesen Pavillon so schön einrichten lasse? undwer ihn dann bewohnen solle? - »Der Marquis Villarson«, antwortete der Portier, »einSavoyarde, will hier seine Geliebte, ebenfalls eine Savoyardin unterbringen.« -Louisonerbleichte und wollte zum Hause hinausfliehen, ich aber hielt sie zurück und zwang sie,sich mit mir auf eines der seidenen Sopha's niederzulassen. Ich wußte, daß der Marquiskommen sollte, um das Appartement zu besichtigen. Er ließ auch nicht lange auf sichwarten. Ein Phaethon fuhr vor, und bald darauf hörten wir die Stimme des Marquis in denvordem Zimmern, der zweien seiner Freunde Erklärungen gab, welche Louison über seineAbsichten allerlei Aufschlüsse gaben. Sie wollte aufspringen und ihm entgegeneilen; ihreAugen funkelten vor Wut, ihre Arme zitterten, ihre Finger zuckten. Ich hielt sie zurück.

Als der Marquis in Begleitung seiner Freunde bei uns eintrat und unserblickte, stutzte er einen Augenblick, faßte sich aber bald und herrschte mir entgegen:Was ich da zu tun hätte; ich solle mich sofort packen!

- Das werde ich auch tun, antwortete ich, so bald ich Sie hier zudiesem Fenster hinausgeworfen habe. - So sprechend, hatte ich ihn auch schon um den Leibgefaßt, in die Luft gehoben und befand mich mit ihm auf dem Wege zum Fenster. Seinebeiden Freunde warfen sich mir in den Weg und suchten mir meine Beute zu entreißen;vergebens. Ich hatte in diesem Momente eine Riesenkraft; den Marquis hielt ich so fest,daß er sich kaum winden konnte, und trotz aller Anstrengungen der beiden Herrn rückteich Schritt vor Schritt dem Fenster entgegen. Der Marquis schrie, die Freunde schrieen, eswar ein Höllenlärm. Mit einem Male aber mischte sich ein eigentümliches Geräusch indiesen Lärm und verwandelte sich das Geschrei der Herren in ein lautes Gelächter, das soherzlich, beinahe krampfhaft wurde, daß sie von der Verteidigung ihres Freundes ablassenmußten; ja, selbst der Marquis lachte trotz der kritischen Lage, in der er sich befand.Ich stutzte, ließ mit dem Vordringen gegen das Fenster in dem Maße nach, als derWiderstand sich minderte, und sah mich um; da stand Louison neben mir und ohrfeigte denMarquis mit solcher Schnelligkeit, solchem Ernst, solchem Eifer, daß es in der Tatunendlich komisch anzusehen war, daß ich selbst von dem allgemeinen Lachkrampfangegriffen wurde und den Marquis fallen ließ. Seine beiden Wangen waren schon dunkelrotund angeschwollen; trotzdem wälzte er sich lachend auf dem Boden. Louison stand nebenihm, sah zornig auf ihn hinab, die einzige ernste Person der Gesellschaft, immer bereit,wieder über ihn herzufallen, was das Komische der Lage nur noch erhöhte.

- Sie hatte ein Händchen wie eine Herzogin, schaltete hier der alteMarquis ein - o, ich erinnere mich ganz deutlich.

Indessen hatte der Lärm unten im Garten und auf der Straße seinenWiderhall gefunden, die Polizei kam, und da sie drei vornehme Herren und einen Savoyardenfand, überlegte sie sichs nicht lange, nach Art der Napoleonischen Polizei, fragte jenenur nach ihren Namen und führte mich als Gefangenen fort. Ich ging ganz ruhig, nie warmein Vertrauen in Louison größer als in dieser Stunde. Die Freunde rieten dem Marquis,mir wegen Mordversuchs einen Prozeß machen zu lassen, oder wenigstens dafür zu sorgen,daß ich in die Armee gesteckt und nach Österreich oder Spanien geschickt werde - erwerde dann freien Spielraum haben, sich an mir rächen und mit Louison am Ende doch fertigwerden. Aber ich war schon am nächsten Tage frei und wurde auch nicht in die Armeegesteckt - und beides dankte ich den Bemühungen des Marquis. Ja, er hatte sogar allemögliche Mühe, um mich vom Soldatentum zu befreien, denn damals war es üblich, daß diePolizei, wo sie ihre Hand auf einen jungen Mann legte, die Gelegenheit benutzte, um dieArmee Sr. Majestät zu vergrößern. Der Marquis mußte von Pontius zu Pilatus laufen, umLouison ihren Geliebten zu retten. Sehen Sie, er war eigentlich immer ein guter Mann!

Er war eigentlich immer ein guter Mann! wiederholte der Marquistrauernd, als spräche er von einem Toten.

Ich hatte auch wenig Lust, mich mit Österreichern und Spaniern zuschlagen, die mir kein Leides getan hatten; wohl aber verließ der Marquis bald nach jenerGeschichte das Hofleben und trat in die Armee, wo er sich auch tapfer schlug, als einechter Savoyarde, der er ist. Ich empfand das dringendste Bedürfnis der Gefahr, einsolches Mädchen wie Louison zu verlieren, ein für alle Mal ein Ende zu machen - und wirverheirateten uns kurzweg, ich mit wenigen Sous, sie mit etwas mehr Franken in der Tasche.

Nun, mein Herr, beginnt ein arbeitsvolles Leben, von dem ich Ihnenso wenig als möglich erzählen will. Ich war Aufseher der Arbeiter bei einem großenUnternehmer; nach einiger Zeit hatte ich den Mut zu kleinen Unternehmungen auf eigeneFaust. Ich wußte, wie man mit Hülfe der berufenen Leute Straßen, Dämme u. dergl.baute, Kanäle grub, Steinbrüche ausbeutete, und ich begann mit kleinen Ersparnissen undmit dem Kredit meines Landsmannes, des Bankiers ~... Nach einigen Jahren legte ich schonKapitale in sein Geschäft, und ehe ich mich dessen versah, war ich Bankier undUnternehmer zugleich. Unter Napoleon hatten die Seehäfen sämtlicher französischerKüsten, immer von den Engländern blockiert, brach und öde gelegen und waren währendder Zeit verfallen, versandet, zum Teil zerstört. Jetzt mußten Deiche, Dämme, Werftenund was dazu gehört, gebaut, ganze Strecken entsandet und zu all dem Schiffe konstruiertwerden. Ich hatte beinahe überall mein Teil, denn ich gebot über eine kleine Armee vonArbeitern, die mich als den Ihrigen betrachteten und lieber bei mir als bei andernarbeiteten. Ich gewann große Summen als Unternehmer, und diese Summen machten Junge inunserm Bankhause. Wir wohnten in der Chaussee d'Antin in einem prächtigen Appartement, indem wir manchmal noch viel reichere Leute, als wir selbst waren, empfingen - aber wenn dieLeute fort waren, zogen wir uns in ein kleines Hinterstübchen mit einfachen Möbelnzurück, in dem wir uns heimisch fühlten. Dort sprach ich auch den Dialekt unserer Berge,den Louison auch in dem prächtigen Appartement gebrauchte. Dort sprachen wir viel vonunserer Heimat, dahin wir uns endlich zurückziehen wollten, und Louison vergaß dabeiniemals das » Schloß«. Der Marquis war wie von der Erde verschwunden; wir hörten erstspät, daß er jetzt am Hofe von Turin lebe, da Turin nach dem Falle Napoleons wieder dieHauptstadt Savoyens geworden. Und wieder nach Jahren liefen durch unsere Komptoirs zuwiederholten Malen große Wechsel und Schuldverschreibungen, die mich an ihn erinnerten,da sie seine Unterschrift trugen. Wenn ich Louison davon erzählte, sagte sie ruhig: Wirbekommen noch sein Schloß, wie ich es ihm versprochen habe. Das ist gut, dann brauchenwir nicht erst ein neues zu bauen.

Und so ist der Mensch: die Gelder flossen zu, die Jahre flossen ab.Ich stak immer so tief in Geschäften, daß an ein Abbrechen und Abrechnen nicht zu denkenwar - und mein Associé, der brave P..., dessen Namen Sie wohl kennen, meinte immer, esgehe zu gut, um aufzuhören, und es werde schon eine Zeit kommen, die sich von selbst alsgeeigneten Schlußpunkt ankündigen werde. Geldmachen ermüdet nicht, und an das Alterdenkt man nicht, als bis es da ist. Es geht mit der Jugend wie mit der Gesundheit; mandenkt an diese erst, wenn man krank, und anjene, wenn man alt ist. Mit einem Male ist manalt. Aber zwei Menschen, die von Kindesbeinen an neben einander einherliefen und derenLiebe nicht altert und die einander immer so sehen, wie damals, als sie einander zu liebenanfingen, die merken es am spätesten. Erst die große Revolution vom Jahre 1848 konnteP... überzeugen, daß der Schlußpunkt gekommen sei, und erinnerte uns, Louison und mich,daß wir alt geworden. Sind wir doch aus Savoyen ausgezogen, als man noch vor Robespierreund der Guillotine Angst hatte. Aber hélas! Louison lag auf dem Krankenbette, auf demSterbebette. Sprechen wir nicht davon. Eine Stunde vor ihrem Tode mußte ich ihrversprechen, in unser Tal zurückzukehren und das Schloß zu kaufen, denn der Marquis wargänzlich ruiniert, die Revolution hatte ihm den letzten Stoß gegeben, und sein Gut wurdevon den Gläubigern an den Meistbietenden losgeschlagen. Sie beschwor mich, gleich nachihrem Tode abzureisen, damit mir das Schloß ja nicht entgehe. Ich versprach alles, undruhig lächelnd schloß sie die Augen. Ich begrub sie neben dem Monument, das ich derguten Frau v. Montarcy hatte errichten lassen, und eilte in das Tal zurück, das ich anihrer Seite und unter den Schlägen des Marquis vor beinahe sechzig Jahren verlassenhatte.

Herr Laurens stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte dasGesicht in beide Hände. Der Marquis schlief und lächelte im Schlafe. Der ruinierte,abgelebte, in die Kindheit schwächlichsten Greisentums versunkene Kavalier schien mirglücklicher, als der kräftige alte Mann, der sein Leben in frischer Arbeit undTätigkeit und hebend und geliebt verbracht hatte; der sein Ideal erreichte, aber alleinund zu spät.

Nach einer im Verhältnis zu seiner Erregung kurzen Pause fuhr HerrLaurens mit fester Stimme fort: Mich tröstet eines: nämlich, daß Louison sich in demSchlosse so wenig heimisch gefühlt hätte wie ich. Ich kaufte eben das Schloß zu einemaußerordentlich geringen Preis, es kostete mich nicht den vierten Teil meinerJahresrente. Der Marquis verließ es lächelnd, während ich trauernd einzog. Er nahm dieHütte, die meiner Mutter gehört und die seit ihrem Tode leer gestanden hatte; ich nahmdas Schloß seiner Ahnen. Aber hieher zurückgekehrt, fühlte ich mich ganz als das, alswas ich die Berge verlassen hatte, als den Sohn jener Hütten, und mit Sehnsucht sah ichhinab auf die elenden Dächer - mit Neid ging ich an dem Häuschen vorbei, in dem derMarquis wohnte. Ich besaß das Schloß, der Traum Louisons war verwirklicht, ihr LetzterWille befolgt; wenn an ihrem Wunsche, das Schloß zu besitzen, einiges gegen den Marquisgerichtete Rachegefühl Teil hatte, so würde sie, das war ich überzeugt, dieses Gefühlgänzlich zum Schweigen gebracht haben, wenn sie den ehemals wilden und übermütigen,aber eigentlich nie bösen Gesellen in seinem jetzigen Zustand gesehen hätte. Was tatich, nachdem ich das alles erwogen? Das Häuschen des Marquis hatte zwei Stuben, ichmietete ihm die eine ab und bin nun sein Mietsmann. Ich bot ihm das Schloß zur Wohnungan, er lehnte es lächelnd ab. Verkauft ist verkauft, sagte er. Im Grunde wollte er sichkeine Wohltaten erweisen lassen, er gestattete aber, daß ich das Häuschen wohnlicheinrichten ließ. Und so hausen wir zusammen, und sein Umgang ist mir der liebste, denn erhat Louison in ihrer Blüte gekannt und - wie immer - sie doch geliebt. Jetzt wollen wirihn in sein ehemaliges Bett bringen lassen und dann: gute Nacht!

  
Das Licht des Nordens. (Broschiert)
von Jennifer Donnelly,
Angelika Felenda
Siehe auch:
Die Teerose.
von Jennifer Donnelly
Was längst vergessen schien.
von Sara MacDonald
Das verlorene Lächeln.
von Cai Emmons
Damals in jenem Sommer.
von Barbara Keating
 
   
 
     

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